Anmerkung: Dieser Blogeintrag wurde im Rahmen des 2. Business-Blog-Karneval erstellt.
»man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet.« (Quelle)
Was der Allgemeinheit den Zugang zur Bibel verschaffte, das gilt auch für Texte, die dafür erstellt wurden, dass sie von der Zielgruppe verstanden werden. So sehr auch die Kommunikation über das eigene Produkt oder den Service kontrolliert werden soll, so heisst das noch lange nicht, dass die verwendete Sprache kohärent ist mit der Sprache der Allgemeinheit. Und dies wirkt sich heute, im Zeitalter der Suchmaschinen, stärker aus als jemals zuvor.
Ein Beispiel: Mitte der 90er Jahre wurde ich von einem großen Konzern eingeladen, eine Beratung zum Thema “eigene Webseite” durchzuführen. Ich war jung und noch ziemlich unerfahren, aber eine Sache hatte ich bereits verstanden: Die Sprache der Suchenden war eine andere als die der Unternehmen. Und als die verschiedenen Abteilungsleiter vorstellten, was sie für ihren Bereich der Webseite geplant hatten, wusste ich sofort, dass hier etwas entstehen würde, was Eingeweihte, vor allem Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens, verstehen würden, was aber absolut fern von dem war, was der Normalsterbliche hätte wissen können. So war es mir in der Besprechung zwar peinlich, zugeben zu müssen, dass ich nicht wusste, was man sich unter “Automotive” vorzustellen hat; gleichzeitig konnten aber die Anwesenden nicht verstehen, dass ich diesen wichtigen Begriff nicht kennen würde. Auch die interne Firmenstruktur (vier große Abteilungen), die in vier Navigationspunkten abgebildet werden sollte, machte für mich keinen Sinn. Das mentale Modell, das innerhalb der Firma herrschte, war nicht das Modell, das der normale Benutzer vermuten würde. Es erforderte einige Gespräche, bis ich verstanden hatte, worum es ging; gleichzeitig wurde dem Kunden klar, dass er “betriebsblind” geworden war.
Man kann seinem Produkt oder seinem Service noch so einen schicken Namen geben, wenn der Begriff nicht populär ist, dann wird ihn auch keiner suchen und somit auch nicht die dazugehörende Seite finden. Die Benutzer geben die Begriffe in die Suchmaschine ein, die sie im Alltag verwenden, nicht die Begriffe, die von außen vorgegeben werden, es sei denn, sie sind schon ins Allgemeingut gelangt. “Private Equity”? “Personal Finance”? Sind das die Begriffe, die die meisten Benutzer in eine Suchmaschine eingeben würden? Vielleicht wünschen Sie sich, dass die Benutzer das tun, aber sie tun es nicht unbedingt. Und so können Sie diese Begriffe gerne in Ihrer Pressemitteilung oder auf Ihrer Webseite verwenden, aber bitte erwarten Sie nicht, dass Sie mit diesen Begriffen auch gefunden werden. Die perfekte Bezeichnung innerhalb Ihrer Industrie kann außerhalb bedeutungslos sein.
Das heisst nicht, dass auf diese Begriffe komplett verzichtet werden muss; schließlich möchten Sie ja eventuell auch, dass Ihre Marktbegleiter die Pressemitteilung finden und verstehen. Damit Sie aber mehrere Zielgruppen erreichen, ist es notwendig, dass Sie neben Ihren speziellen Begriffen auch die verwenden, die die Allgemeinheit verwendet. Besuchen Sie die Seiten Ihrer Konkurrenten, aber auch die einschlägigen Foren, um zu verstehen, welches Vokabular von den potentiellen Besuchern verwendet wird. Mit der reinen PR-Sprache aber erreichen Sie nur diejenigen, die Ihr Produkt wahrscheinlich eh schon genug kennen: Ihre Marktbegleiter.